Auftakt einer Serie: Reden wir über Klischees. Meine Interviewpartner erzählen, bei welchen Vorurteilen sie mit den Augen rollen – und wann die Stereotype auch mal stimmen. Los geht es  mit Mirjam Rodrigues da Silva im Interview über Kraftsport, Kanonenkugeln und Kühltaschen.

Dass Kraftsportler nichts im Kopf haben, widerlegt Mirjam Rodrigues da Silva eindrucksvoll. Die 26-Jährige hat ein sehr gutes Abitur, zwei Studiengänge auf einmal studiert – und nebenbei auch noch eine schnelle Sportkarriere hingelegt. Nach nur einem Jahr Training gewann Sie 2013 die Bayerische Bodybuilding- und Fitness-Meisterschaft und kurz darauf die deutsche Meisterschaft in der Bikini-Klasse. Im Interview spricht Sie über Kanonenkugeln, Kühltaschen – und das falsche Bild ihres Sports.


 

Mirjam, finden Männer muskulöse Frauen schön?
Mirjam Rodrigues da Silva: Wenn sie selbst trainieren,  dann denke ich schon, dass sie auch bei Frauen einen durchtrainierten Körper schön finden. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass mich die breite Masse attraktiver fand, als ich noch nicht so viel Sport gemacht habe.

Wie merkst du das?
Mirjam: An den Blicken der Leute. Ich war mal mit Freundinnen in einer Disco, noch ziemlich aufgepumpt von einem intensiven Workout. Mein Kleid war schulterfrei – und meine Schultern sahen in dem harten Clublicht aus wie zwei Kanonenkugeln. Eine Gruppe von Jungs konnte gar nicht mehr  aufhören, mich anzustarren.

Aber auf deinem Instagram-Profil machen Dir unheimlich viele Leute Komplimente.
Mirjam: Ja, darüber freue ich mich auch sehr. Aber das ist eine interessierte Zielgruppe, viele davon sind selbst Kraftsportler. Daher ist das sicher kein repräsentatives Bild.

„Ich mache einen 24-Stunden-Sport“

Und du selbst?
Mirjam: Ich fühle mich wesentlich besser als früher. Ich hab mehr Energie – das liegt sicher auch an meiner Ernährung…

… die bestimmt aus sehr viel Proteinpulver besteht.
Mirjam: Das ist eines  der häufigsten Klischees über meinen Sport: Gewichte stemmen und Proteine futtern ohne Ende. Dabei ist die Sache wesentlich komplizierter. Es ist ein Lifestyle.

Was heißt das?
Mirjam: Ich mache einen 24-Stunden-Sport. Fünf bis sechs Mal pro Woche trainiere ich im Studio, dazwischen passe ich genau auf, was ich esse. Heute bin ich zum Beispiel den ganzen Tag unterwegs und habe meine Mahlzeiten deswegen in einer Kühltasche dabei.

Was ist da so drinnen?
Mirjam: Hühnchen, Putenaufschnitt und Quark – natürlich braucht mein Körper viel Eiweiß. Aber eben auch viele gute Kohlenhydrate, Obst, Gemüse und gesunde Fette. Ich achte auf eine absolut ausgewogene Ernährung – nur so habe ich auch genug Power für das Fitness-Studio.

 

Essen für drei Tage: Wenn Mirjam unterwegs ist, dann hat sie ihre Mahlzeiten auch mal dabei. © Mirjam Rodrigues da Silva

Essen für drei Tage: Wenn Mirjam unterwegs ist, dann hat sie ihre Mahlzeiten dabei. © Mirjam Rodrigues da Silva

Ist diese strenge Disziplin nicht auch gefährlich?
Mirjam: Einmal pro Woche, außer in der Wettkampfphase, habe ich einen Schummeltag, an dem ich esse, was ich will. Aber klar, weil im Kraftsport viel über Kontrolle geht, besteht natürlich auch die Gefahr, in eine Essstörung abzurutschen.

Kennst Du da jemanden?
Mirjam: Ja , ich kenne schon ein, zwei Leute, die davon betroffen sind. Das kann Frauen und Männern passieren. Für mich steht aber die Gesundheit an erster Stelle, deshalb passe ich auch gut auf.

Apropos Gesundheit: Welche Rolle spielen Steroide?
Mirjam: Es gibt sicher Athleten, auch in meiner Klasse, die mit sowas herumexperimentieren. Für mich ist das allerdings kein Thema.

Wirst Du als Frau von den großen Jungs im Studio ernst genommen?
Mirjam: Viele haben mich am Anfang belächelt. Das hat sich mittlerweile aber total geändert. Natürlich gibt es immer noch Bodybuilder, die die Bikini-Klasse, in der ich antrete, nicht ernst nehmen. Ich bezeichne mich aber auch nicht als Bodybuilderin – das ist schon nochmal eine andere Nummer.

2014 hast Du es mit Wettkämpfen eher ruhig angehen lassen, willst Du wieder einsteigen?
Mirjam: Dieses Jahr habe ich eine Wettkampfpause eingelegt, um mich auf mein Staatsexamen zu konzentrieren. 2015 werde ich aber wieder angreifen! Außerdem bringe ich demnächst ein Buch mit Fitness-Rezepten heraus. Darin möchte ich zeigen, wie abwechslungsreich und vor allem auch lecker eine gesunde und figurbewusste Ernährung sein kann.

Mehr Infos über Mirjam Rodrigues da Silva gibt es bei InstagramFacebookYoutube und Twitter. Über ihr neues Buch folgt demnächst ein Update hier im Blog.